Das kaputte Versprechen: Wie mich Streaming zurück zum guten, alten Fernsehen trieb

Roter Notfallkasten mit Fernbedienung statt Feuerlöscher, Aufschrift 'In case of subscription fatigue, break glass'.

Nie gab es so viele, so gute Serien wie heute. Das haben wir vor allem dem Aufstieg der Streamingdienste und ihrem anhaltenden Kampf um die besten Inhalte zu verdanken. Trotzdem hinterlässt das Thema bei mir heute kein Gefühl der Dankbarkeit, sondern eher: Enttäuschung. Frust. Wut. Wie mein Streaming-Frust meine Sehgewohnheiten komplett auf den Kopf gestellt hat – und wie mir ein vermeintlicher Rückschritt die Freude am Schauen zurückbrachte.

Vom Streaming-Traum zum Flickenteppich

Das Streamen von Filmen und Serien war mal ein großes Versprechen: Alle Inhalte, die man will, komplett ohne Werbung, für unter 10 Euro im Monat. Aus damaliger (und heutiger) Sicht ein unfassbarer Deal! Vor allem: Das Versprechen wurde eingelöst! Als Netflix 2014 hierzulande an den Start ging, hatte man Zugriff auf so ziemlich alles, was man sich wünschen konnte. Mit VPN und der US-Bibliothek sogar noch ein bisschen mehr. Das alles für gerade mal 7,99 Euro! Okay, realistisch 8,99 Euro wegen der HD-Streams, was auch das Teilen mit der Familie möglich machte.

Leider haben Firmen wie Disney oder Paramount schnell gemerkt, wie verlockend der Netflix-Pitch war. Aus nachvollziehbaren Gründen haben sie es dem kleinen Unternehmen, das doch eigentlich DVDs verschickt hat, nicht gegönnt, diesen neuen Markt alleine zu besetzen. Noch dazu mit ihren Inhalten! Und so verschwanden nach und nach Sachen aus der Netflix-Bibliothek, während die Konkurrenz eigene Streamingdienste ausrollte.

Das große Wettrüsten

Dem Platzhirsch die lizenzierten Inhalte zu entziehen, reicht natürlich nicht. Damit die Leute ein Abo bei Disney+ und Co. abschließen, muss man ihnen eigene coole Inhalte liefern. Aus dem Kampf um Zuschauer wurde schnell eine Art Wettrüsten. Für uns Serienfans fühlte sich das zuerst wie ein goldenes Zeitalter an, schließlich gab es gefühlt jede Woche grandiosen Nachschub.

Das Problem: Ausnahmeserien wie Stranger Things (Netflix), The Mandalorian (Disney+), Severance (Apple TV), Star Trek: Picard (Paramount+), The Boys (Prime Video) oder IT: Welcome to Derry (HBO Max) verteilen sich heute auf ein halbes Dutzend Anbieter. Und weil neben diesen Highlights auch tausend andere Serien und Filme produziert werden müssen, um die eigene Bibliothek zu füllen, stiegen die Kosten gewaltig. Für die Anbieter. Aber auch für uns Zuschauer.

Das 90-Euro-Monats-Monster

Ich erwähnte bereits, dass man 2014 auf Netflix gefühlt alle Inhalte für 8,99 Euro bekommen konnte. Heute kostet derselbe Zugang zur Netflix-Bibliothek in HD und ohne Werbung 15,99 Euro! Wenn jetzt noch der angeschaffte 4K-Fernseher eine Daseinsberechtigung haben soll, muss man sogar 21,99 Euro hinblättern! Diese Entwicklung mit teils jährlichen Anpassungen gab’s natürlich nicht nur bei Netflix: Kostete Disney+ zum Start mickrige 6,99 Euro, sind heute 10,99 Euro fällig, für 4K-Inhalte schon 15,99 Euro.

Okay, man muss ja nicht alle Dienste abonnieren. Schließlich hat jeder Streamingdienst mehr Inhalte, als man überhaupt konsumieren kann. Doch die eigentlichen Highlights, die jeder sehen will, verteilen sich auf die unterschiedlichen Anbieter. Das initiale Versprechen, für einen niedrigen Monatsbeitrag mehr oder weniger alles Relevante zu bekommen, wird schon lange nicht mehr erfüllt. Wer alle angesagten Hits sehen möchte, muss tief in die Tasche greifen. Netflix, Disney+, HBO Max, Apple TV, Prime Video und Paramount+ kosten zusammen 70,93 Euro. Jeden Monat! In 4K-Auflösung werden sogar 89,93 Euro fällig (Stand: September 2026)! Keine Ahnung, wer sich das leisten kann. Doch dafür haben die Streaminganbieter ja einen alten, äh: neuen Lösungsansatz …

Heilsbringer Werbung?

Hat man kein Problem damit, vor und während jeder Sendung Werbung zu ertragen, spart man richtig Kohle. Denn mit aktivierter Werbung liegen die monatlichen Kosten pro Streamingdienst meist bei 5,99 oder 6,99 Euro. Das ist weniger als Netflix 2014 gekostet hat! Da überlegt man es sich dreimal, ob man für werbefreies Netflix in 4K wirklich 21,99 Euro bezahlen muss oder ob die 6,99 Euro-Variante nicht doch sinnvoller ist.

Ich verstehe das total, zumal man beim klassischen Fernsehen auch konstant mit Werbung zugeballert wird. Doch so attraktiv das Angebot auf den ersten Blick erscheint: Mich macht das wahnsinnig! Bei meinem letzten Test war Prime Video fast nicht mehr anschaubar. Da hat man eh schon zu viel Zeit verbraten, sich auf einen Film zu einigen und muss dann noch knapp vier Minuten auf den Start warten? Nur um dann alle 15 Minuten mit den exakt gleichen Werbeclips malträtiert zu werden? Ja, werbefreies Streaming ist heute ein Luxusgut.

Vermutlich bin ich hier in der Minderheit, aber mir sind meine Zeit und Nerven mehr wert als der niedrigere Abopreis. Auch aus einem anderen Grund: Wir sind gerade dabei, unser jüngstes Familienmitglied in die wunderbare Welt der Filme einzuführen. Doch ich kann mich so gar nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass es für die nächste Generation Normalität ist, dass die Geschichte ständig durch Werbung unterbrochen wird. Zumal die ganz Kleinen gar nicht zwischen Story und Werbung unterscheiden können.

Rückschritt als Rettung

Ich liebe Serien, Filme noch mehr. Doch als Berufstätiger mit Kind und Hund ist mein Freizeitkontingent überschaubar. Ich schaffe es schlicht nicht, jeden angesagten Hype-Titel zeitnah wegzugucken. Und ehrlich gesagt bin ich es leid, abends 20 Minuten durch Menüs zu scrollen – nur um am Ende etwas einzuschalten, auf das eigentlich niemand richtig Lust hat.

Also haben wir für uns (ohne Kind) das klassische Fernsehen wiederentdeckt. Wenn man die Glotze anmacht, läuft sofort irgendwas. Die Entscheidung ist einem abgenommen. Auch feste wöchentliche Termine haben plötzlich wieder ihren Charme – ich oute mich hier als TV-total-Gucker. Läuft im TV nur Schrott, was oft genug vorkommt, geht der Blick in die Mediatheken – wo wir Perlen wie die ZDF-Serie Chabos entdeckt haben. Und wenn auch da nichts zieht, wandert eine DVD oder Blu-ray in den Player, gerade wenn wir mit der Tochter was schauen. Aus dem eigenen Regal oder geliehen aus der umfangreichen Sammlung von Freunden.

Mit der Taktik sind wir 2026 ein Vierteljahr ganz ohne Streaming ausgekommen. Minus den einen oder anderen Film, den wir digital geliehen oder gekauft haben. Wobei wir uns der Streamingwelt nicht verschließen, sondern, wie so viele da draußen, immer von einem Anbieter zum nächsten hüpfen. Auch wenn das für einige Online-Diskussionen schade ist, kann ich damit leben, ein Meisterwerk wie Shōgun erst Monate später zu erleben. Dafür hab ich in der Zwischenzeit das fantastische Buch nachgeholt.

Wie nutzt du Streaming?

Mich würde wahnsinnig interessieren, wie du mit dem Thema Streaming umgehst. Dazu hab ich eine kurze Umfrage vorbereitet und würde mich freuen, wenn du die paar Fragen beantworten würdest. Als kleines Dankeschön verlosen wir unter allen Teilnehmern, die bis zum 19.10.2026 mitmachen, einen 50-Euro-Elbenwald-Gutschein.

Das kaputte Versprechen: Wie mich Streaming zurück zum guten, alten Fernsehen trieb

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